Die Sache mit dem Einkaufswagen
Der Beginn einer Studienfahrt nach Wien
Man darf nicht glauben, dass man mit einem
Koffer auf (zwei) Rollen mühelos durch den Wiener Großstadtdschungel
spazieren kann, noch dazu nachts, jede Tram schon längst
abgestellt.
Doch fliegt man mit einer Billigfluglinie, die den Namen unserer
Hauptstadt trägt (keine Negativ-Werbung an dieser Stelle!),
kann man sich nicht immer auf Pünktlichkeit verlassen. Und
so kam es, dass wir 2 1/2 Stunden später als geplant am
Karlsplatz standen (die letzte U-Bahn springend gerade noch erreicht).
Das war Wien bei Nacht. Wir liefen. Meinerseits ohne jede Ahnung,
wo unser Hotel denn liegt ...
Eine Viertel Stunde Fußmarsch würde es wohl sein,
hörte ich unseren hochgewachsenen, blonden Lehrer mit den
langen Beinen sagen. Eine Viertel Stunde? Störte mich nicht
(dachte ich!), ich hatte ja meinen Rollenkoffer.
Und so liefen wir und so verschwand ein Riese im Horizont. Bald
sahen wir ihn nicht mehr. Meine Hand begann zu schmerzen, ich
fürchtete eine Sehnenscheidenentzündung, auch Frau
Haack und Steffi neben mir sahen nicht mehr glücklich aus,
die anderen währenddessen (scheinbar ohne Schmerzen?) verschwanden über
alle Berge, oder besser: um alle Kurven. Wir waren allein. Wo
lang? Keine Ahnung! Waren uns nur einig darin, dass so ein Koffer
mit Rollen auf die Dauer auch nicht glücklich macht. Ich
sehnte mich nach einem Backpackerrucksack, doch das war zu spät,
wir kamen nicht mehr hinterher.
Und da stand er dann. Erst bemerkten wir ihn gar nicht, stand
er doch an einer unbeleuchteten Fassade eines Wiener Althauses,
aber doch, unverkennbar, der gelbe Schiebegriff mit der roten
Aufschrift, ein Einkaufswagen der Supermarktkette "Billa".
Frau Haack's Augen blitzten kurz auf und erhellten die Wiener
Nacht, ihr Plan war gefasst: wir würden diesen Einkaufswagen
klauen.
Schnell luden wir unsere Koffer (die versagt hatten, muss an
dieser Stelle nochmals betont werden) auf, obschon ich einzuwenden
versuchte, dass dies Diebstahl sei. Aber: ist das überhaupt
Diebstahl, wenn das, was man stiehlt, schon einmal gestohlen
wurde (denn irgendwer musste diesen Einkaufswagen schließlich
entwendet haben)?
Für diese Diskussion blieb keine Zeit - es war Nacht, wer
sollte uns beobachten?
Leider ist auch das Fahren mit einem schwer beladenen Einkaufswagen
keine leichte Übung. Kantstein runter, Kantstein rauf -
wir hatten unsere Schwierigkeiten. Doch ist man erstmal eingefahren,
könnte man es damit bis nach Budapest schaffen. So fuhren
wir immer gerade aus, weil wir nicht wussten, wohin (Ach, die
warten sicher, wenn sie abbiegen ...), Frau Haack war Steuermann,
ich hielt das seitliche Steuer. Sicher wären wir noch einige
Zeit so weiter gefahren, wenn man im Hotel nicht damit begonnen
hätte, uns nun doch zu vermissen. So wurde unsere Robinson-Crusoe-Abenteuerfahrt
schier abgebrochen durch zwei sportliche blonde Lange, die die
Diebe vors Hotel führten.
Eigentlich schade, ich hatte das Steuer grad' so gut im Griff!
*Kerstin*